Schlaf- und Traumtherapie im alten und hellenistischen Ägypten
- Neith-Hotep
- Mar 25, 2021
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Updated: Feb 9, 2022

Der Schlaf war für die alten Ägypter alles andere als ein Zustand der "Bewusstlosigkeit". Denn das altägyptische Wort für "Traum" ist "rswt", was übersetzt so viel wie "wach sein" oder "das Wachen im Schlaf" bedeutet. Demnach ist die Hieroglyphe für das Wort "Traum" auch kein geschlossenes Auge, wie wir es heutzutage vielleicht eher erwartet hätten, sondern ein weit geöffnetes. Diese Hieroglyphe des offenen Auges kennzeichnete im alten Ägypten all jene Worte, die mit dem "Sehen" verknüpft waren. Somit wundert es uns nicht, dass das Wort "rswt" zur Wortfamilie "Wachsein" zählt. Für die alten Ägypter war das Träumen offensichtlich eine Form des "Erkennens". Aber was genau galt es zu erkennen?

Die Schlaf- und Traumtherapie wurde im alten Ägypten zur Heilung zahlreicher Leiden eingesetzt. Man pilgerte zu den Tempeln und schlief dort über Nacht und hoffte, göttlich inspirierte Träume zu erhalten, die einem bei seinen Leiden und im Prozess der Selbstwerdung unterstützen und helfen würden. In hellenistischer Zeit blühten die Traumschulen erst recht auf. Der Tempel von Dendera war einer dieser Tempel, welcher ebenfalls genutzt wurde, um therapeutische Träume zu erhalten. Das erhoffte Ergebnis war ein göttliches Eingreifen, um den Patienten von einer medizinischen Erkrankung zu befreien. So erhielt man in den Träumen oft Warnungen, Ratschläge oder sonstige Prophezeiungen.
Man glaubte auch, dass die Toten die Lebenden in Form von Träumen oder Albträumen besuchten. Ebenfalls fürchteten sich die alten Ägypter vor gewissen Alpträumen, von denen sie glaubten, dass nächtliche Dämonen sie heimsuchten. Um sich vor solchen Dämonen der Dunkelheit zu schützen, konnten schlafende Sterbliche auf dieselben starken Energien zurückgreifen, die die Ordnung wiederherstellten und die chaotischen Feinde des Sonnengottes selbst in Schach hielten.
Traum-Priester
Die alten Traum-Priester kannten nicht nur die Symbolsprache eines Traumes, sondern waren selbst Meister auf dem Gebiet des Träumens. Sie entwickelten eine Praxis der Traumreise, die sie sowohl in Form des "unbewussten/intuitiven" Traums nutzten, als auch in Form des luziden Traums. Das befähigte sie zu Seher, womit sie nicht nur Patienten und Adepten, sondern auch die Angelegenheiten der staatlichen und militärischen Strategien unterstützen. Sie waren Meister des Gestaltwandelns und durchquerten Raum und Zeit in den Traumkörpern von den unterschiedlichsten Gestalten, wie zum Beispiel in Form eines Tieres. Durch bewusstes Traumreisen erkundeten die „Vielflieger“ des alten Ägypten die Straßen des Jenseits und des mehrdimensionalen Bewusstseins. Es wurde verstanden, dass wahre Initiation und Transformation in einer tieferen Realität stattfinden, die durch die Traumreise über den Körper hinaus zugänglich ist. Selbst der Pharao als rechtmäßiger König musste in der Lage sein, zwischen diesen Welten bewusst zu reisen.

Traumbuch
Aus dem alten Ägypten sind uns einige Traumbücher bekannt, welche man zur Deutung der Träume nutzten konnte, von denen der Papyrus Chester Beatty III das bekannteste unter ihnen ist. Dieses soll aus der persönlichen Bibliothek eines Schreibers der 19. Dynastie Namens Qenherkhepshef stammen. Der Papyrus enthält 139 Träume von guten Vorzeichen, gefolgt von 83 negativen. Ein weiterer Abschnitt enthält einen Zauberspruch, um die Auswirkungen eines Albtraums abzuwehren. Die Beschreibungen und Interpretationen der Träume in Papyrus Chester Beatty III sind kurz, und der Traum ist in entweder "gut" oder "schlecht" geteilt.

Bes und Tutu, die Traumwächter
Bes
Bes war nicht nur ein Gott der Zeugung und der Geburt, sondern auch eine starke Schutzgottheit. Er hält ein scharfes Messer in der Hand, mit welchem er schädliche Geister und Dämonen abwehrt. Im hellenistischen Zeitalter finden wir besonders auch sein weibliches Pendant in Form von Beset. Doch nicht nur mit seinem scharfen Messer trieb er Dämonen in die Flucht, sondern auch mit seiner kreativ-schöpferischen Kraft. So tanzte er fröhlich und spielte für den Schlafenden auf seiner Leier oder einem Tamburin, um diesen durch die Welt des Traumes sicher zu begleiten.

Tutu
Eine genauso starke Verehrung in Traumtempeln kam dem Gott Tutu zu. Diese Gestalt wurde besonders in hellenistischer Zeit verehrt und war einer Sphinx sehr ähnlich, nur mit einigen zusätzlichen Attributen. Ein Körper eines schreitenden, geflügelten Löwen, mit dem Kopf eines Menschen und Attribute von Falken und Krokodilen, die aus dem Körper herausragen und meist dem Schwanz einer Schlange. Die alten Ägypter fanden zweifellos Trost in dem Wissen, dass Gott Tutu über sie wachte. Er bekämpfte die Dämonen, die auftauchten, wenn die Menschen am verwundbarsten waren - während sie schliefen, denn der Traumzustand war ein riskantes Portal, durch welches alle möglichen Dämonen erscheinen und Verwüstungen anrichten konnten. So sprachen sie vor dem Schlafen zum Schutz die Worte: Tritt ein, Tutu!

Hippokrates (ca. 460 v. Chr.)
Das hippokratische Korpus offenbart einen faszinierenden wissenschaftlichen Ansatz bei dem Versuch, die Geheimnisse des Schlafs zu entschlüsseln. Diese Schriften sind eine Sammlung frühantiker griechischer medizinischer Texte, sie bieten wertvolle Einblicke nicht nur in die griechische, sondern auch in die altägyptische Medizin, da sich beide Kulturen vermischten, Ideen austauschten und sich gegenseitig beeinflussten - insbesondere während der hellenistischen Zeit.

In unserer heutigen Wissenschaft und Psychologie werden Träumen leider keine all zu große Bedeutung mehr zugemessen, doch ist es mir ein wichtiges Anliegen, Euch daran zu erinnern, welch tiefe Weisheit und Magie uns durch unsere Träume zu Verfügung steht...!!
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